STRESS | ERHOLUNG

»Ich bin total gestresst«

Wie entsteht Stress?

Stress ist evolutionsbiologisch eine natürliche und automatische Reaktion unseres Körpers bei Gefahrensituationen. Um Überleben zu können, musste der Mensch schnell sein Verhalten situationsgerecht anpassen können, z.B. mit Flucht oder Kampf. In einer solchen Bedrohungssituation steigen Puls und Blutdruck, alle Sinne sind geschärft, die Muskeln spannen sich an, die Atmung wird schneller. Der Körper schüttet Stresshormone aus und so können wir blitzschnell handeln.

Was aber als Schema in den alten, zuerst reagierenden Hirnteilen als Hilfestellung für schnelles Überleben angelegt ist, erweist sich in unserem Alltagsleben zunehmend als stressverstärkende Belastung.

Denn unser Körper muss heute bei Anspannungen in Job und Freizeit eher selten mit Kampf oder Flucht reagieren. Wenn das Ventil fehlt, um den inneren Druck abzubauen, befindet sich der Körper in einem dauerhaften Alarmzustand.

Welche Reize wir individuell als Stressoren wahrnehmen, hängt von situativen Faktoren ab, den Eigenschaften der Reize ab, und unserer persönlichen Verarbeitung (z.B. unserem Wahrnehmungsfilter und Bewertungsprozessen) ab.

Stressmodell nach Richard Lazarus,1984: Das Stressmodell von Richard Lazarus zeigt dass nicht die Beschaffenheit der Reize oder Situationen für die Stressreaktion von Bedeutung sind, sondern die individuelle kognitive Verarbeitung des Betroffenen. Also die Art und Weise wie wir Reize bewerten. Menschen können so für einen Stressor höchst unterschiedlich anfällig sein

Die nachfolgend aufgeführten Bedingungen lösen bei fast allen Menschen Stress aus (nach Barthold und Schütz, 2010 aus Schuster, Haun, Hiller 2011)

Physische Bedingung

  • Umgebungsbedingungen: Lärm, Hitze, Lichtverhältnisse
  • Einseitige Körperhaltung (ständiges Stehen, Arbeit über Kopf
  • Giftige Stoffe
  • Technische Einrichtung, Werkstoffe

Arbeitsaufgabe und Arbeitsorganisation

  • Qualitative und quantitative Über- und unterforderung
  • Zeitdruck, Überstunden, mangelnde Planbarkeit flexibler Arbeitszeiten
  • Große Intenstität: hohe Konzentrationsnotwendigkeiten, geforderte Daueraufmerksamkeit
  • Rollenstressoren (Rollenüberforderung, Rollenkonflikt, Rollenambiguität
  • Probleme in der Arbeitsorganisation, z.B. fehlendes Material, unvollständige Informationen, mangelhafte Werkzeuge, häufige Arbeitsunterbrechungen und Störungen

Soziale Stressoren

  • Soziale Konflikte im Umgang mit Vorgesetzten oder Kollegen
  • Selbstwertbedrohungen
  • Mobbing
  • Emotionsarbeit
  • Umgang mit schwierigen Kunden, Klienten, Patienten
  • Soziale Dichte (Überbelegung), soziale Isolation (Unterbelegung

Organisationale Bedigungen

  • Erlebte organisatorische Ungerechtigkeit
  • Problematische Informationspolitik
  • Konflikt zwischen Arbeit und Privatleben


Stressprozesse sind oft erst im Zusammenhang mit physischen und psychischen Begleiterscheinungen zu erkennen. Eine gesunde Belastung hat mit krankmachendem Stress nichts zu tun, da ein momentanes Ungleichgewicht nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung im Sinne einer Lösungsfindung erfahren wird. Damit fehlen auch Ohnmachtsgefühle und entsprechend physische und psychische Reaktionen.

Stressprozess

  1. Der Gleichgewichtsprozess zwischen subjektiv wahrgenommenen Belastungen und verfügbaren Ressourcen ist gestört
  2. Das Ungleichgewicht wird subjektiv als echte Bedrohung wahrgenommen.
  3. Es entsteht ein „Ohnmachtsgefühl“. Eine Bewältigung scheint nicht in Sicht
  4. Der Organismus reagiert auf diese Wahrnehmung sowohl physisch (Hormone, Blutdruck, Herzfrequenz etc.) als auch psychisch (Angst, Einengung der Wahrnehmung etc.)

Chronischer Stress kann krank machen. Symptome sind u.a.:

  • Physische Beschwerden: Herz-Kreislaufprobleme, Bluthochdruck, Infektionsanfälligkeit,
    Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden, Lungenleiden, Albträume, Rückenschmerzen usw.
  • Psychische Beschwerden: Depressionen, Ängste, Suchtprobleme und Verhaltensstörungen Konzentrationsstörungen, Verminderung der Lernfähigkeit und des Leistungsverhalten, Gefühle der Ohnmacht, Hilflosigkeit und des Kontrollverlust usw.

Stressbewältigung und Prävention

In der Balance sein

Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anforderungen und Fähigkeiten, kann zu Wohlbefinden und Zufriedenheit beitragen. Zu hohe Anforderungen jedoch zu Überforderung und Versagensängsten (auf die Dauer Burnout-Symptomatik) – zu geringe Anforderungen zu Unterforderung und Langeweile (Borout-Symptomatik).

Wie kann Stress bewältigt und vorgebeugt werden?

Ziel von Stressprävention und Stressbewältigung ist es eine individuelle Balance zwischen Belastungen und Ressourcen zu erarbeiten und auszubauen. Nützliche Mittel zur Verfügung zu haben, um mit negativen Stressoren umzugehen.

  • Objektive Veränderung der Belastung
    (z.B. Aufgabenstellung an Fähigkeiten anpassen)
  • Ressourcen erkennen, stärken und nutzen
    (Erholungskompetenz, Achtsamkeit, Akzeptanz, Entspannung, Selbstmitgefühl und Selbstwirksamkeit, Bewertungskompetenz, Problemlöse-, Zeitmanagement-, Konfliktmanagementfähigkeiten, Kommunikative Kompetenz u.a.). Siehe auch Abb. unten, nach Schuster, Haun und Hiller, psych. Beslastungen im Arbeitsalltag, 2011
  • Den Problemen auf den Grund gehen
    (Werte, Ziele, Einstellungen, Selbstkonzept, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, seelische Blockaden, usw.)

Ressourcenaktivierung kann in den verschiedenen Phasen des Stressprozesses unterschiedlich ansetzen. Bei den Stressfolgen (z.B. mit Erholungsfähigkeiten), bei den Stressreaktionen (z.B. mit Achtsamkeit, Selbstmitgefühl, Entspannung, Akzeptanz), bei der Bewertung des Stressors (z.B. mit Selbstwirksamkti, Bewertungskompetenz) und beim Stressor selbst (z.B. mit Problemlösekompetenz, Konfliktmanagementkompetenz u.a.).

Neben Bedingungen, die bei fast allen Menschen Stress auslösen, gibt es auch Bedingungen, die zunächst neutral sind, und erst durch die individuelle Bewertung zu Stressoren werden.

Der eine empfindet z.B. das Verhalten eines bestimmten Menschen als sehr störend, während dasselbe Verhalten einem anderen völlig normal erscheint.

MÖGLICHE ANSATZPUNKTE IN THERAPIE UND COACHING

Therapie oder Coaching werden individuell auf die Problematik und Bedürfnisse abgestimmt. Folgende Punkte könnten z.B. dabei mit einfließen:

  • Den Stress-Prozess wahrnehmen und verstehen
  • Belastungen und Ressourcen (Stress-Ursachen) analysieren
  • Identität (Werte, Einstellungen, Ziele) als Steuerungsprinzip etablieren
  • Stressbewältigungsstrategien, Ressourcen erkennen, stärken und nutzen

Eine Therapie ist sinnvoll, wenn das subjektiv-empfundene Wohlbefinden beeinträchtigt ist und/oder störungsspezifische Symptome auftreten.